Das erstrittene Vakuum

Weshalb sich viele Menschen im Osten fremd fühlen und warum der Populismus wächst.

verständlichakademisch

Einleitung: Die verlassene Mitte

In Deutschland steht die Politik vor einer großen Zerreißprobe. Bald wird in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt. In den Umfragen für Sachsen-Anhalt steht die Partei AfD stabil bei über 40 Prozent. Das zeigt ein großes Problem: Viele Menschen fühlen sich von der aktuellen Politik nicht mehr vertreten.

Dieser Erfolg der AfD kommt nicht aus dem Nichts. Er ist das Ergebnis einer langen, schleichenden Entwicklung. Die Verantwortung daran tragen vor allem die traditionellen Parteien. Sie haben sich über Jahrzehnte von den Problemen der Menschen wegbewegt und den Platz für andere Kräfte frei gemacht.

Doch man darf es sich bei der Erklärung nicht zu einfach machen. Denn die Wähler sind keine Maschinen, die einfach nur blind reagieren. Dieses Essay untersucht die tiefen Ursachen. Es blickt auf die Schwächen in unserem Staatssystem, auf die ungelösten Probleme nach der Wiedervereinigung und auf die Fehler der etablierten Parteien.

Dieser Text möchte das echte Gefühl einer dauerhaften Entfremdung aufzeigen. Diese Entfremdung entstand durch fünf historische Enttäuschungen im Osten. Und am Ende dieser Entwicklung steht eine Besonderheit unseres Wahlsystems: Wenn eine Partei etwas mehr als 40 Prozent der Stimmen bekommt, kann sie bereits die absolute Mehrheit der Sitze im Parlament erhalten. Ob das bei der nächsten Wahl wirklich passiert, wissen wir noch nicht. Aber die Regeln dafür sind bereits da.

Kapitel 1: Die erste Enttäuschung – das verspielte Kapital des Bündnis 90

Die spezifisch ostdeutsche Dimension des populistischen Aufstiegs zeigt sich bereits in den Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung. In dieser Zeit entstand das Gefühl, in der Politik keine eigene Stimme mehr zu haben.

Ein zentraler Wendepunkt war das Jahr 1993, als sich die westdeutschen Grünen und das ostdeutsche Bündnis 90 zusammenschlossen. Das Bündnis 90 war die intellektuelle und organisatorische Speerspitze der friedlichen Revolution in der DDR. Die Bewegung genoss ein hohes moralisches Ansehen. Doch bei der Fusion wurde dieser ostdeutsche Kern durch die finanzielle und personelle Übermacht der westdeutschen Mutterpartei an den Rand gedrängt.

Die eigentlichen Anliegen der Ostdeutschen wurden dadurch verdrängt. Denn den Menschen im Osten ging es vor allem um direkte Demokratie, um Bürgerrechte und um die Bewältigung der harten sozialen Umbrüche. Die westdeutschen Grünen setzten jedoch andere politische Schwerpunkte, die eher die Lebenswelt des Westens widerspiegelten.

Hier zeigt sich die erste historische Enttäuschung: Die Ostdeutschen hatten sich 1989 ihre demokratische Freiheit selbst erkämpft. Im Jahr 1993 mussten sie jedoch erfahren, dass ihre eigene politische Vertretung von westdeutschen Parteiapparaten übernommen wurde, weil diese die finanziellen Mittel und die logistische Deutungshoheit besaßen.

In der Folge verloren die Grünen im ländlichen Osten ihr emotionales Fundament. Sie wurden als ein westdeutsches Importprodukt wahrgenommen. Dieses Trauma wurde dadurch verstärkt, dass die etablierten Parteien die Aufarbeitung der DDR-Diktatur konsequent mieden. Es fehlte eine moralische Aufklärung – und dieses Vakuum hinterließ eine dauerhafte Entfremdung.

Kapitel 2: Die zweite Enttäuschung – das verbrannte Erbe der Regine Hildebrandt

Gleichzeitig mit dem Verlust der Bürgerrechte verspielte die Sozialdemokratie das Erbe von Persönlichkeiten wie Regine Hildebrandt. Als „Mutter Courage des Ostens“ kämpfte sie in den 1990er-Jahren mit kompromissloser Nahbarkeit für die sozialen Biografien der Wendeverlierer. Sie gab den Menschen eine Stimme, die durch die harte Deindustrialisierung der Nachwendezeit ihren Arbeitsplatz und ihre gesellschaftliche Anerkennung verloren hatten.

Die zweite schmerzhafte Enttäuschung in dieser Entwicklung vollzog sich nach ihrem frühen Tod und spätestens mit den Hartz-IV-Reformen der Agenda 2010 unter Gerhard Schröder. Die SPD wandelte sich in der Wahrnehmung vieler Ostdeutscher vom schützenden Anwalt der Arbeitnehmer zum kalten, fernen Verwalter des wirtschaftlichen Strukturbruchs.

Die emotionale Wärme und der bedingungslose Schutz ostdeutscher Lebensleistungen, für die Hildebrandt gestanden hatte, wurden im Berliner Regierungsbetrieb als störende Anomalie abgewickelt. Das Vertrauensverhältnis zwischen der breiten Bevölkerung und den traditionellen Volksparteien erlitt in dieser Phase einen irreparablen Bruch.

Kapitel 3: Die dritte Enttäuschung – die doppelte Angleichung und der Kollaps des PDS-Schutzwalls

In diese tiefe Vertrauenskrise stieß nach dem Zusammenbruch der DDR die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), die spätere Linkspartei. Ihr erfolgreicher Aufstieg zur regionalen Massenpartei stellt in der deutschen Parlamentsgeschichte ein scheinbares Paradoxon dar: Die PDS besaß als direkte SED-Nachfolgerin, belastet mit dem Erbe des DDR-Unrechtsregimes, das denkbar schlechteste Ansehen.

Dass ihr der Aufstieg dennoch gelang, beruht auf einer doppelten Angleichung (Homogenisierung) der ostdeutschen Bevölkerung:

Zum einen erlebten Millionen Menschen im Osten nach 1990 durch Treuhand-Abwicklungen und Massenarbeitslosigkeit einen kollektiven Kontrollverlust. Die Treuhand-Anstalt übernahm innerhalb weniger Jahre über 8.000 Betriebe, legte mehr als 3.700 davon still und drückte die Industrieproduktion auf unter die Hälfte des Niveaus von 1989. Dieser äußere Anpassungsdruck verschmolz ganz unterschiedliche Lebensläufe zu einer einheitlichen Leidens- und Schicksalsgemeinschaft.

Zum anderen vollzog sich eine räumliche Angleichung durch eine massive Abwanderungswelle. Über zwei Millionen junge, mobile und politisch flexiblere Menschen verließen den Osten. Die verbleibende Bevölkerung wurde dadurch gesellschaftlich und politisch einheitlicher.

Die PDS begriff diesen doppelten Filterprozess. Sie bot sich dieser angeglichenen Gruppe als emotionaler Schutzwall gegen die westliche Siegermoral an. Das moralische Urteil des Westens über den schlechten Ruf der PDS prallte an dieser Wand ab. Für die verbliebene Bevölkerung war die Partei die greifbare Verkörperung ihrer eigenen, verletzten Ost-Identität. Diese Identität diente jedoch keiner echten Aufarbeitung, sondern bezweckte das Gegenteil: eine kollektive Abwehr der westlichen Moral. Das Vakuum der unvollendeten Aufklärung wurde so nicht gefüllt, sondern verfestigt.

Die dritte historische Enttäuschung in dieser Kette vollzog sich, als Die Linke nach 2007 ihr ursprüngliches Ost-Profil an akademisch-urbane Identitätsdiskurse des Westens verlor. Zudem wurde sie in Landesregierungen selbst Teil des staatlichen Apparats. Sie gab ihr Monopol auf den grundsätzlichen Systemprotest auf. Die AfD fungiert heute als radikaler Erbe dieses Prozesses: Sie übernahm das alte PDS-Muster der ostdeutschen Schutzmacht und füllte das verwaiste, einheitliche Feld mit rechtspopulistischer Ideologie.

Kapitel 4: Die vierte Enttäuschung – Das Erbe Seehofers und die permanente Unentschiedenheit

Auch die bürgerliche Mitte trug maßgeblich dazu bei, die Erzählungen der Populisten zu festigen. Die Christlich-Soziale Union (CSU) nutzt traditionell ein bayerisches Drehbuch zur Selbstdarstellung: Um bundespolitisch nicht an Bedeutung zu verlieren oder innenbayerische Konflikte auf Bundesebene zu verlagern, sucht sie regelmäßig den Konflikt mit Berlin. In der Migrationskrise 2015/2016 entwickelte sich diese Strategie jedoch zu einem Bumerang für das gesamte politische System. Der damalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer warf der Bundesregierung unter Angela Merkel monatelang eine „Herrschaft des Unrechts“ vor und drohte mit einer Verfassungsklage vor dem Bundesverfassungsgericht.

Als Seehofer im letzten Moment aus parteitaktischen Gründen nachgab, um einen Bruch des Unionsbündnisses aus CDU und CSU zu verhindern, versperrte er den rechtsstaatlichen Weg einer gerichtlichen Klärung. Diese unvollendete Drohung enthält eine besondere Tragik: Sie wirkte als Erzählung stärker, als es eine tatsächliche Klage je hätte tun können. Eine Klage hätte zu einem klaren Ergebnis geführt – zu einem Urteil, das den Vorwurf entweder bestätigt oder widerlegt hätte.

Der Rückzug ließ den Vorwurf hingegen im Zustand einer permanenten Unentschiedenheit zurück. Die „Herrschaft des Unrechts“ war weder bewiesen noch entkräftet, aber die bloße Möglichkeit blieb im politischen Diskurs eingebrannt.

Die AfD übernahm dieses Vokabular der CSU eins zu eins. Die unvollendete Drohung der bayerischen Regierung rechtfertigte die populistische Erzählung vom dauerhaften Rechtsbruch der Bundesregierung. Die etablierten Parteien der Mitte klärten diesen Sachverhalt aus strategischem Kalkül nicht auf, da eine ehrliche Aufklärung ihre eigene Glaubwürdigkeit zusätzlich beschädigt hätte.

Verstärkt wurde dieser Glaubwürdigkeitsverlust der bürgerlichen Mitte durch das spätere Verhalten der FDP in der Ampelkoalition. Die Partei versuchte, gleichzeitig als Regierungspartei zu regieren und als fundamentale Opposition im Inneren aufzutreten. Dies führte zu einer völligen Profilunschärfe, die im Februar 2025 mit dem Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag endete.

Das nachfolgende Kabinett unter Bundeskanzler Friedrich Merz versucht heute, diesen Vertrauensverlust durch strengere Abläufe in der Regierungsarbeit und mit Hilfe der neuen Geschäftsordnung der Bundesregierung abzufangen. Der politische Schaden im bürgerlichen Lager des Ostens blieb jedoch bestehen.

Kapitel 5: Die fünfte Enttäuschung – das BSW und die Selbstkannibalisierung im Endspurt

Die Zuspitzung im Endspurt zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September 2026 führt all diese Dynamiken an der Wahlurne zusammen. Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), das im thüringischen und sächsischen Wahlkampf des Vorjahres durch eine strikte Abgrenzung zur AfD Erfolg hatte, verfällt in Magdeburg in ein Dilemma. Dieses erinnert an das Scheitern der FDP in der Ampelkoalition – allerdings mit einem wesentlichen Unterschied:

Die FDP war in der Regierung und versuchte, gleichzeitig Opposition zu sein. Das BSW hingegen ist nicht in der Regierung und kann sich abgrenzen. Es handelt sich also nicht um einen Rollenkonflikt, sondern um eine bewusste Strategieentscheidung, die sich als Selbstzerstörung (Selbstkannibalisierung) entpuppen könnte.

Mit dem öffentlichen Signal der Spitzenkandidatin Claudia Wittig am 4. September 2026, eine Kooperation mit einer 40-Prozent-Partei im Sinne der „inhaltlichen Orientierung“ nicht auszuschließen, vollzieht sich die fünfte Entmündung dieser historischen Kette. Indem das BSW die Abgrenzung (Brandmauer) aufweicht, entwertete es sein eigenes Alleinstellungsmerkmal als demokratische Protestalternative.

Die Funktionsweise der sozialen Medien beschleunigt diesen Abfluss. Die Plattformen verdichten die Erzählungen der AfD emotional und vereinfachen die Zusammenhänge. Die eigentliche Ursache für den Einbruch des BSW auf kritische Werte unter der 5-Prozent-Marke ist jedoch die Aufweichung der Brandmauer, nicht der Algorithmus.

An diesem Punkt schnappt die mathematische Falle der Fünf-Prozent-Klausel zu: Unter der aktuellen Konstellation – BSW unter 5 %, FDP außer Parlament, Grüne an der Sperrklausel zitternd – könnte ein erheblicher Teil aller abgegebenen Wählerstimmen verfallen.

Diese Ausgrenzung „toter Stimmen“ verschiebt die Sitzverteilung im Landtag insofern drastisch, dass der AfD ein realer Stimmenanteil von rund 42 Prozent genügen könnte, um die absolute Mehrheit der Sitze zu erringen und den Durchmarsch in der Regierung zu vollziehen. Es handelt sich um ein Wahlsystem-Szenario ohne Vorbild in der deutschen Parlamentsgeschichte: Es macht die mathematische Struktur des Wahlrechts zum entscheidenden Faktor, nicht die inhaltliche Überzeugung der Wählerschaft.

Kapitel 6: Die bundesdeutsche Exekutionskrise und das Instrument der Diskreditierung

Das grundlegende Triebrad, das die Funktion dieser fünf historischen Entmündungen im Hier und Jetzt in reale Wählerstimmen übersetzt, gründet in einer chronischen Krise bei der Umsetzung von Gesetzen – einer staatlichen Krise im Alltag (Exekutionskrise).

Das im Grundgesetz verankerte Prinzip „Wer bestellt, bezahlt“ (Konnexitätsprinzip) wird im föderalen Alltag systematisch ausgehebelt. Der Bund beschließt im Bundestag politisch populäre Rechtsansprüche. Er verkennt dabei jedoch das verfassungsrechtliche Durchgriffsverbot aus der Föderalismusreform I von 2006. Da der Bund nicht direkt auf die Kommunen zugreifen darf, adressiert er die Gesetze an die Länder, welche die Aufgaben an die Städte und Gemeinden weiterreichen.

Die Kommunen tragen am Ende die finanzielle, personelle und administrative Last der Umsetzung. Sie verfügen jedoch weder über das Geld noch über das Personal, um diese Ansprüche real einzulösen. Aus der Perspektive der Bürger entstehen so „Phantomrechte“. Das garantierte Recht auf einen Kita-Platz oder eine zügige Auszahlung des Wohngeldes scheitert an der Realität vor Ort. Das Recht auf dem Papier entfernt sich von der erlebten Wirklichkeit.

Im Osten, wo die kommunalen Kassen durch die wirtschaftlichen Folgen der 1990er-Jahre dünner als im Westen sind, trifft diese Entkopplung auf ein ohnehin schwächeres Fundament. Weil es den Menschen an privatem Vermögen fehlt und die Kassen der Gemeinden schwächer sind, wirkt dieses Verwaltungsversagen wie ein Brandbeschleuniger: Es liefert dem Rechtspopulismus den Alltagsbeweis für eine vermeintlich weltfremde und handlungsunfähige Elite.

Mit dem absehbaren Einzug populistischer Kräfte in Regierungsbereiche wird das politische System in eine neue Phase eintreten: die gezielte Herabwürdigung (Diskreditierung) der demokratischen Institutionen als dauerhaftes, strategisches Stilmittel.

Der Grund für den Erfolg dieser Strategie liegt in der Überforderung der Wähler angesichts dauerhafter Krisen. Wenn eine mitregierende oder alleinregierende AfD auf Widerstände in der Verwaltung stößt, handwerkliche Fehler bei Gesetzen macht oder Haushalte blockiert, treffen diese hausgemachten Krisen auf eine Verwaltung, die ohnehin am Limit operiert.

Für den Bürger im Alltag verschwimmen Ursache und Wirkung in einem unüberschaubaren Nebel aus Dauerkrisen. Wenn das lokale Kitasystem endgültig zusammenbricht, wird die AfD über ihre ungefilterten Social-Media-Kanäle erklären, dies sei das Resultat von Altlasten früherer Regierungen, der bewussten Sabotage durch „politisierte Gerichte“ oder der finanziellen Strangulierung durch den Bund.

Da die Wähler im Alltag die spezifische Unfähigkeit oder Verfassungswidrigkeit einer neuen Regierung nicht mehr sauber von den ohnehin existierenden Strukturproblemen trennen können, verfängt die Täter-Opfer-Umkehr reibungslos. Das „Nebelmeer“ ist hier dichter als überall sonst in Europa.

Schlussbetrachtung: Jenseits des Schicksals und die Rolle der Kommunalpolitik

Trotz der dichten mathematischen, historischen und psychologischen Beweiskette wäre es ein Irrtum, diese Entwicklung als unaufhaltbares Schicksal (Determinismus) zu verstehen. Die mathematische Struktur steht fest – die 42-Prozent-Schwelle existiert, die Sperrklausel ist aktiv, die Krise in der Verwaltung bildet den Boden. Aber die politische Folge ist nicht unausweichlich. Demokratien und ihre Rechtsstaaten sind keine starren Maschinen, sondern anpassungsfähige, lernende Systeme.

Die Gegenkräfte, welche den Verfall aufhalten können, sind konkret benennbar. Erstens bietet das Bundesverfassungsgericht mit rechtlichen Instrumenten (wie der abstrakten Normenkontrolle und dem Bund-Länder-Streit) die Möglichkeit, eine populistische Regierung daran zu hindern, die föderale Ordnung einseitig umzudeuten. Die Frage ist nicht, ob das Bundesverfassungsgericht dazu in der Lage ist, sondern ob die politischen Akteure die Bereitschaft besitzen, diese Mittel einzusetzen.

Zweitens ist die Gesellschaft im Osten kein einheitlicher (monolithischer) Block. In den Städten formiert sich eine lebendige, strategisch handelnde Gegenbewegung, die sich nicht in der Identität des „Wendeverlierers“ wiederfindet. Der entscheidende Hebel liegt in der Kommunalpolitik: Sie ist die einzige Ebene, auf der die Bürger den Unterschied zwischen dem „Recht auf dem Papier“ und der „erlebten Wirklichkeit“ unmittelbar spüren.

Eine Gemeinde, die ihren Kita-Platz tatsächlich anbietet, das Wohngeld pünktlich auszahlt und ihre Infrastruktur instand hält, entzieht der populistischen Erzählung die Grundlage. Dies geschieht nicht durch Rhetorik, sondern durch konkrete Verwaltungsleistung. Die Kommunalpolitik lichtet den Nebel der Krisen nicht – sie macht ihn überflüssig, indem sie den Alltagsbeweis entkräftet, auf dem die populistische Erzählung ruht.

Drittens zeigt der Blick auf Europa, dass der Ausgang nicht vorbestimmt ist. In Österreich hat die FPÖ trotz jahrzehntelanger Präsenz im Parlament die absolute Mehrheit verfehlt. In Polen hat die PiS-Partei nach acht Jahren an der Macht bei der Parlamentswahl 2023 eine klare Niederlage erlitten. In beiden Fällen war der entscheidende Faktor die konkrete, messbare Unfähigkeit der Regierung, strukturelle Probleme zu lösen – und die Fähigkeit der Wähler, diese Unfähigkeit von den Ausreden der Regierung über ein angebliches „Systemversagen“ zu trennen.

Der Aufstieg des Populismus ist kein unabwendbares Schicksal. Er ist der unmissverständliche, schmerzhafte Arbeitsauftrag an die demokratische Praxis, das entstandene Identitätsvakuum durch handwerklich saubere, kommunal finanzierte und nahbare Politik wieder selbst auszufüllen. Die Entscheidung über den Ausgang dieses Stresstests verbleibt bis zur letzten Sekunde in der offenen Praxis der Freiheit – an der Wahlurne.

Nebenbei: Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Sollten Sie nach all den Kapiteln noch einen Schreibfehler gefunden haben, so betrachten Sie ihn einfach als Belohnung: Sie dürfen sich dann offiziell klüger als der Autor schätzen und das erhebende Gefühl genießen.

Glossar

Abstrakte Normenkontrolle: Ein Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht. Dabei prüfen Richter unabhängig von einem konkreten Streitfall, ob ein Gesetz mit der Verfassung vereinbar ist. Einen Antrag dazu können unter anderem die Bundesregierung, eine Landesregierung oder ein Viertel der Mitglieder des Bundestages stellen.

Altpartei: Ein Begriff für traditionelle, etablierte Parteien. Er wurde ursprünglich in den 1980er-Jahren von den Grünen genutzt. Heute verwenden ihn vor allem Rechtspopulisten als Schimpfwort (Abwertung), um die etablierten Parteien als einen einzigen, korrupten Block darzustellen, der angeblich gegen den „wahren Volkswillen“ arbeitet.

Asymmetrischer Föderalismus / Münchner Veto: Ein Begriff aus der Politikwissenschaft. Er beschreibt den besonderen Vorteil der CSU im deutschen Parteiensystem. Obwohl die CSU nur in Bayern antritt, erhält sie durch die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag und durch ihre Macht im Bundesrat einen bundespolitischen Einfluss, der weit über ihren eigentlichen Stimmenanteil hinausgeht.

Brandmauer: Eine politische Metapher. Sie beschreibt die feste Vereinbarung aller demokratischen Parteien in Deutschland, auf keinen Fall mit der AfD zusammenzuarbeiten – weder im Parlament, noch in einer Regierung oder bei einer Koalition.

Bund-Länder-Streit: Ein Verfahren vor dem Bundesverfassungsgericht (Artikel 93 des Grundgesetzes). Es dient dazu, Rechte und Pflichten zwischen dem Bund und den Bundesländern zu klären, wenn Uneinigkeit über die Auslegung der Verfassung herrscht.

Bündnis 90: Ein Zusammenschluss der ostdeutschen Bürgerrechtsbewegungen während der friedlichen Revolution 1989/1990 in der DDR. Im Jahr 1993 schloss sich das Bündnis 90 mit den westdeutschen Grünen zusammen.

Determinismus: Die Annahme in der Philosophie oder Politikwissenschaft, dass alle zukünftigen Ereignisse und Entwicklungen in einer Gesellschaft durch feste Ursachen und Bedingungen unaufhaltbar vorbestimmt (zwangsläufig) sind.

Durchgriffsverbot: Ein Gesetz in Deutschland, das seit der Föderalismusreform 2006 im Grundgesetz steht. Es verbietet dem Bund, den Städten und Gemeinden direkt Aufgaben oder finanzielle Lasten aufzuerlegen. Rechtlich gesehen unterstehen Kommunen ausschließlich ihrem jeweiligen Bundesland.

Exekutionskrise (Umsetzungskrise): Das Versagen eines Staates bei der praktischen Umsetzung beschlossener Gesetze. Meist liegt der Grund darin, dass den Behörden vor Ort das Geld, die Verwaltungskraft oder das Personal fehlen.

Fünf-Prozent-Klausel (Sperrklausel): Eine Regel im deutschen Wahlrecht. Eine Partei muss bei einer Wahl mindestens 5 Prozent der Stimmen erhalten, um überhaupt Sitze im Parlament zu bekommen. Das soll verhindern, dass das Parlament in zu viele kleine Gruppen zersplittert.

Hare/Niemeyer-Verfahren: Ein mathematisches System bei Wahlen. Es rechnet die abgegebenen Wählerstimmen genau in die Anzahl der Parlamentssitze für die Parteien um.

Homogenisierung (gesellschaftliche Angleichung): Der Prozess, bei dem eine Bevölkerung einheitlicher wird. Das passiert oft, wenn bestimmte Gruppen (zum Beispiel junge, gut ausgebildete oder mobile Menschen) massenhaft aus einer Region abwandern. Die verbleibende Bevölkerung wird dadurch in ihrer Zusammensetzung, ihrem Alter und ihren politischen Ansichten einheitlicher (homogener).

Kognitive Überlastung: Ein Zustand, in dem ein Mensch durch zu viele Informationen und gleichzeitig stattende Krisen überfordert ist. Dadurch fällt es schwer, Ursachen und Wirkungen im politischen Geschehen logisch voneinander zu trennen.

Konnexitätsprinzip: Der verfassungsmäßige Grundsatz „Wer bestellt, bezahlt“ (Artikel 104a des Grundgesetzes). Er besagt: Die staatliche Ebene, die eine Aufgabe per Gesetz vorschreibt, muss auch für die Kosten aufkommen.

Kümmerer-Partei: Ein politikwissenschaftlicher Begriff für eine Partei, die besonders stark vor Ort präsent ist. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie die regionalen Eigenheiten, die Identität und die alltäglichen sozialen Nöte der Menschen direkt anspricht (so wie die PDS in den Nachwendejahren im Osten).

Phantomrecht: Ein Recht des Bürgers, das zwar formell auf dem Papier steht, aber in der Realität nicht eingelöst werden kann, weil der Verwaltung vor Ort das Geld oder das Personal fehlt (zum Beispiel ein zugesicherter Kita-Platz).

PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus): Die politische Kraft, die im Februar 1990 aus der DDR-Staatspartei SED hervorging. Sie etablierte sich im Osten als Regional- und Kümmererpartei und ging im Jahr 2007 in der Partei Die Linke auf.

Popularklage: Ein Rechtsmittel, mit dem jeder Bürger eine Verfassungswidrigkeit einklagen kann, selbst wenn er nicht persönlich in seinen eigenen Rechten verletzt ist. Auf Bundesebene gibt es dieses Instrument in Deutschland nicht.

Richtlinienkompetenz: Das Recht des Bundeskanzlers (Artikel 65 des Grundgesetzes), die Grundlinien der Regierungspolitik verbindlich zu bestimmen. Die Bundesminister müssen sich an diese Vorgaben halten.

Selbstkannibalisierung (politische Selbstzerstörung): Ein Phänomen, bei dem eine Partei ihr eigenes Profil aufweicht und sich inhaltlich einem starken Konkurrenten angleicht. Dadurch verliert sie ihre Stammwähler an diesen Konkurrenten und zerstört sich selbst.

Tote Stimmen: Wählerstimmen, die für Parteien abgegeben wurden, die an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. Diese Stimmen werden bei der Verteilung der Sitze im Parlament überhaupt nicht berücksichtigt.

Wesentlichkeitsvorbehalt: Ein wichtiger Grundsatz im deutschen Recht. Er besagt, dass das Parlament (die gewählten Abgeordneten) alle wesentlichen und grundlegenden Entscheidungen des Staates selbst treffen muss und sie nicht einfach der Regierung oder Behörden überlassen darf.

Empfohlene Lektüre

ZDF-Forschungsgruppe Wahlen (2026): Politbarometer extra: Sachsen-Anhalt vor dem Super-Wahltag. Stand: 3. September 2026.

Tagesschau.de (2026): Vor der Landtagswahl: Sachsen-Anhalt und die Tücken der Umfragen. Stand: 4. September 2026.

SWR.de (2026): Was an Klischees über den Osten dran ist. Interview mit Elisabeth Kaiser (SPD), Stand: 1. September 2026.

Tagesschau.de (2024): Volksparteien im Osten: Die Geschichte einer Entfremdung.

Di Fabio, Udo (2016): Migrationskrise als föderales Verfassungsproblem. Gutachten im Auftrag der Bayerischen Staatsregierung.

Statista (2025): Ergebnis der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025.

Deutscher Bundestag (2025): Dokumentation der Kanzlerwahl vom 6. Mai 2025.

Deutschlandfunk (2026): Vor Landtagswahl – BSW-Spitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt. Sendung vom 4. September 2026.

Infratest dimap / ARD (2026): Vorwahlerhebung Sachsen-Anhalt. Stand: 26. August 2026.

YouGov / SINUS-Institut (2026): Studie vor den Landtagswahlen in Ostdeutschland. Stand: 31. August 2026.

Wolfgang Seibel (2005): Verwaltete Illusionen: Die Treuhandanstalt

Destatis (2023): Migrationsbericht.