Vom Drama klumpender Mehlschwitzen zur Kernschmelze beim WLAN-Ausfall. Eine humorvolle Glosse über alte und moderne Liebeserklärungen.
Hören statt lesen? Here we go:
Es gab eine Zeit, da definierte sich das Eheglück über die Konsistenz einer Mehlschwitze. Wir schreiben das Jahr 1956. Erika steht in ihrer Kittelschürze in der Küche, den Blick starr auf eine Ratgeberliteratur: Das „Gute Hausfrau Kochbuch“ gerichtet. Ihre größte existenzielle Krise um 10 Uhr lautet: „Was koche ich heute für meinen Mann?“ Reicht der Hackbraten für zwei Tage? Wenn die Soße klumpt, hängt der Haussegen schief. Ihre Waffen im Kampf um die häusliche Harmonie sind ein hölzerner Rührlöffel, eine Prise Muskat und die strikte Einhaltung der Garzeiten. Der Mann kommt um Punkt 12 Uhr nach Hause, der Magen knurrt, die Welt ist überschaubar.
Sieben Jahrzehnte später. Erikas Enkelin Sarah steht im Jahr 2026 in derselben Küche – die jetzt „Smart-Kitchen“ heißt. Auch ihr Blick ist starr, allerdings auf das Display ihres Smartphones gerichtet. Ihr Mann kommt gleich nach Hause, doch Sarahs existenzielle Krise hat absolut nichts mit Kalorien zu tun. Ihr Mann hat Hunger? Dafür gibt es Liefer-Apps. Nein, Sarah kämpft an einer weitaus komplexeren Front der modernen Beziehungsfürsorge. Ihre Frage des Tages lautet: „Wie verdammt noch mal verbinde ich das Smart-Home mit dem neuen Router, damit die Kaffeemaschine mit dem Saugroboter kommuniziert?“
Der Kontrast könnte kaum epischer sein. Damals ging es um die Frage: „Schmeckt es ihm?“ Heute geht es um die Frage: „Gehorcht ihm das Haus?“
Wenn die Soße 1956 anbrannte, war das ein Drama. Wenn heute das WLAN-Signal im Obergeschoss abreißt, ist das eine Kernschmelze der häuslichen Zivilisation. Erika musste aufpassen, dass die Milch nicht überkocht. Sarah muss aufpassen, dass die smarte Glühbirne im Flur nicht das gesamte Heimnetzwerk für Hacker öffnet.
Erika investierte Stunden in das perfekte Drei-Gänge-Menü, um Liebe und Fürsorge zu demonstrieren. Sarah programmiert eine „Guten-Morgen-Routine“, bei der sich die Jalousien synchron zum ersten Gähnen ihres Gatten heben, während die Kaffeemaschine exakt 45 Milliliter Espresso in die Tasse filtert – gesteuert über ein Bluetooth-Protokoll, dessen Einrichtung Sarah drei Nervenzusammenbrüche und zwei Telefonate mit einer indischen Support-Hotline gekostet hat. Das ist die wahre, moderne Liebeserklärung!
Damals hieß es: Liebe geht durch den Magen. Heute gilt: Liebe geht durch die Bandbreite. Der moderne Herd kocht von alleine, aber er braucht dafür ein Software-Update. Und während Erikas Mann 1956 zufrieden rülpste und die Zeitung aufschlug, sitzt Sarahs Mann heute im gedimmten Licht des Wohnzimmers und staunt, dass er die Stehlampe mit seiner Stimme ausschalten kann.
Die Kittelschürze ist der IT-Zertifizierung gewichen. Der Kochlöffel wurde durch das Smartphone ersetzt. Aber eines bleibt seltsamerweise gleich: Am Ende des Tages sitzt eine Frau erschöpft auf dem Sofa und hofft inständig, dass das, was sie da mühsam eingerichtet hat, beim Mann keine Fehlermeldung auslöst.