Eine satirische Anleitung zur staatstragenden Realitätsverweigerung
Haben Sie in letzter Zeit mal versucht, der CDU Ihre Loyalität zu schenken? Nein? Keine Sorge, Sie müssen sich dafür nicht einmal anstrengen. Ein kurzer Klick im weltweiten Datennetz genügt, und schon streamt Philipp Amthor mit der jugendlichen Frische eines barocken Kirchenrechtlers direkt in Ihr Wohnzimmer. Seine Botschaft ist so schlicht wie genial: Kommen Sie zu uns, werden Sie Mitglied, und vor allem – unterstützen Sie uns Politiker!
Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. In einer altmodischen Demokratie dachte man eigentlich, Politiker seien dafür da, die Bürger zu unterstützen. Aber das war gestern. Im modernen Politikbetrieb des 21. Jahrhunderts hat sich das Prinzip elegant umgekehrt. Die Bundeszentralen der etablierten Mitte-Parteien haben das Regieren nämlich so tief verinnerlicht, dass sie die lästige Bevölkerung da draußen vor allem als eines betrachten: als Beifallskorps für die eigene Alternativlosigkeit.
Der Weg in diesen politischen Olymp ist ein faszinierendes Biotop. Er folgt der eisernen Dreifaltigkeit: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal. Wer braucht schon die Erfahrung eines Handwerkers, einer Krankenschwester oder die realen Existenzängste eines Kleinunternehmers bei Inflation, wenn man stattdessen ein exzellentes Netzwerk im lokalen Kreisverband vorweisen kann?
Die Ochsentour durch verrauchte Ortsvereine und das geschickte Taktieren auf Landeslisten belohnen vor allem eine Kernkompetenz: die absolute, geräuschlose Apparattreue. Wer hier nach oben kommt, beherrscht das feine Handwerk der Selbstreferenzialität in Perfektion.
Und wenn die Quittung für diese chronische Abkopplung dann bei den Landtagswahlen schmerzhaft im Briefkasten landet? Dann schlägt die Stunde der „Arroganz der Macht“. Die Mitte-Parteien reagieren auf historische Niederlagen nicht etwa mit politischem Handwerk, sondern mit tiefer Schockstarre. „Wir saßen hier gestern, wir sitzen hier morgen, wer bitteschön hat da draußen an der Realität gedreht?“, murmelt es durch die Flure.
Um sich vor der ungemütlichen Welt außerhalb des Elfenbeinturms zu schützen, hat die Mitte ein architektonisches Meisterwerk erfunden: die Brandmauer. Das Prinzip ist bestechend. Man mauert sich einfach so fest ein, dass man die unschönen Wahlergebnisse der Ränder von links und rechts weder sehen noch hören muss.
Dass diese Mauer im parlamentarischen Alltag zu einer arithmetischen Lähmung führt, bei der sinnvolle, sachorientierte Mehrheiten blockiert werden, nimmt man für das gute Gefühl der moralischen Überlegenheit gerne in Kauf. Die Brandmauer ist das perfekte Werkzeug, um aus einem lebendigen Diskurs eine leblose, spröde Statik zu machen.
Und der Bürger? Der sitzt fassungslos vor dem Fernseher, schaut den Sonntags-Talkshows zu und spürt diese bleierne Ohnmacht. Er sieht ein System, das so spröde geworden ist, dass es keine gesellschaftlichen Stöße mehr abfedert, sondern sehenden Auges auf den kollektiven Bruchzustand zusteuert.
Aber Kopf hoch! Wenn Ihnen das nächste Mal die Decke auf den Kopf fällt, denken Sie einfach an Philipp. Klicken Sie auf das Video, spüren Sie die Wertegemeinschaft und treten Sie ein. Die da oben brauchen schließlich Ihre Unterstützung. Wer sonst soll ihnen recht geben, wenn sie es selbst schon so fleißig tun?