Nicht zerrieben, sondern bedeutungslos geworden: Die CDU und ihr Verlust an politischer Funktion

Die CDU verlor in Mecklenburg-Vorpommern nicht nur Stimmen. Junge Menschen fanden in ihr zu wenig Zukunft, Selbstständige zu wenig Entlastung und ältere Wählerinnen zu wenig Stabilität. In ländlichen Gemeinden wurde sichtbar, wie weit dieser Bedeutungsverlust bereits reicht.

Vorwort

Dieses Essay untersucht die historische Niederlage der CDU in Mecklenburg-Vorpommern nicht als gewöhnlichen Machtverlust und nicht allein als Folge eines ungünstigen Wahlkampfs. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage, warum die Partei für immer mehr Menschen ihre politische Funktion und damit ihre praktische Bedeutung verloren hat.

Dazu betrachtet der Text verschiedene Wählergruppen: junge Menschen, die unter 45-Jährigen, Selbstständige und mittelständische Milieus sowie ältere Wählerinnen über 70. Diese Gruppen unterscheiden sich in ihren Erfahrungen und Erwartungen. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass die CDU ihre jeweiligen Anliegen nicht mehr überzeugend miteinander verbinden konnte.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem ländlichen Raum. An Orten wie Brietzig zeigt sich in zugespitzter Form, was im Landesergebnis nur abgeschwächt sichtbar wird: Die politische Mitte verschwindet dort nicht einfach, weil sie von einer anderen Partei überstimmt wird. Sie verliert ihre Bedeutung, weil viele Menschen keinen praktischen Grund mehr erkennen, sie zu wählen.

Dieser Text versteht sich deshalb weniger als eine parteipolitische Abrechnung denn als Diagnose eines Bindungs- und Bedeutungsverlusts. Er fragt, wie eine Partei, die lange für wirtschaftliche Vernunft, staatliche Stabilität und gesellschaftlichen Ausgleich stand, diese Funktion wiedergewinnen könnte. Die zentrale These lautet: Die CDU wurde nicht bloß zerrieben. Sie ist für große Teile der Bevölkerung bedeutungslos geworden.

Die CDU und ihr Verlust an politischer Funktion in Mecklenburg-Vorpommern

Nach historischen Wahlniederlagen flüchtet sich der politische Betrieb gern in Naturmetaphern. Parteien werden „weggespült“, „abgestraft“ oder „zerrieben“. Solche Formeln klingen nach Analyse, dienen aber häufig der Entlastung. Sie verwandeln politische Verantwortung in eine höhere Gewalt: Aus einem Fehler wird ein Sturm, aus dem Verlust von Wählern ein unglückliches Kräfteverhältnis.

Auch nach dem Debakel der CDU in Mecklenburg-Vorpommern setzte die politische Deutung schnell ein. Die Union sei Opfer eines brutalen Zweikampfs zwischen SPD und AfD geworden, hieß es. Für die CDU mag diese Erklärung angenehm sein. Sie legt nahe, dass die Partei zwischen zwei starken Blöcken kaum eine Chance hatte.

Die Zahlen und die soziale Struktur des Ergebnisses sprechen jedoch für eine andere Diagnose. Die CDU wurde nicht einfach zwischen zwei politischen Lagern zerrieben. Sie verlor in wichtigen Teilen der Bevölkerung schlicht ihre Funktion. Viele Wählerinnen und Wähler sahen in ihr kein politisches Werkzeug mehr, mit dem sich ihre eigenen Interessen wirksam vertreten ließen.

Das Ergebnis von 4,9 Prozent war deshalb mehr als ein verlorener Wahlkampf. Es war der sichtbare Endpunkt eines Bindungsverlustes, der verschiedene Generationen und Milieus auf unterschiedliche Weise erfasste.

Das Ausmaß des Absturzes

Von den mehr als eine Millionen abgegebenen Stimmen entfielen lediglich 50.188 auf die CDU. Mehr als 95 Prozent der Stimmen gingen an die andere Parteien. Diese Gegenüberstellung beweist nicht, dass jeder andere Wähler die CDU bewusst ablehnte. Sie zeigt aber die Größenordnung des Bedeutungsverlusts: Die Partei, die einst selbstverständlich zum politischen Wettbewerb um die bürgerliche Mitte gehörte, war für die große Mehrheit der Wähler keine relevante Option mehr.

Besonders aufschlussreich ist, dass die gestiegene Wahlbeteiligung der CDU nicht half. Die Mobilisierung neuer Wähler stärkte vor allem AfD und SPD. Die AfD konnte Protest und Unzufriedenheit bündeln, die SPD das Bedürfnis nach regionaler Kontinuität und eine strategische Abwehr der AfD. Die CDU aktivierte dagegen weder ausreichend neue Wähler noch konnte sie ihre früheren Kernmilieus geschlossen halten.

Das ist der entscheidende Unterschied zur Erzählung vom „Zweikampf“. In einem Zweikampf verliert eine Partei, weil zwei andere stärker mobilisieren. In Mecklenburg-Vorpommern verlor die CDU darüber hinaus deshalb, weil viele Menschen keinen Grund mehr sahen, sie überhaupt zu brauchen.

Der Mittelstand, der nicht mehr an die Mitte glaubt

Die CDU hatte traditionell einen besonderen Zugang zu Selbstständigen, Landwirten, Handwerkern und wirtschaftsnahen Milieus. Diese Gruppen erwarteten von ihr wirtschaftliche Vernunft, administrative Verlässlichkeit und einen Staat, der ihnen nicht mehr Lasten auferlegt, als er rechtfertigen kann.

Die Wahltagsbefragungen zeigen, dass die CDU auch in diesen Gruppen keineswegs mehr selbstverständlich dominierte. Die Prozentwerte dürfen zwar nicht in frei erfundene absolute Stimmenzahlen umgerechnet werden. Der politische Befund ist dennoch eindeutig genug: Selbst dort, wo die CDU früher über eine natürliche Vertrauensbasis verfügte, war ihre Position nicht mehr unangreifbar.

Viele Selbstständige und Unternehmer erleben heute einen Staat, der gleichzeitig mehr Nachweise, mehr Abgaben und mehr Regulierung verlangt, aber bei Infrastruktur, Digitalisierung, Fachkräftesicherung und Planungssicherheit zu wenig liefert. Die CDU hätte diese Erfahrung politisch bündeln können. Sie hätte zeigen können, wie sich wirtschaftliche Freiheit, soziale Sicherheit und funktionsfähige öffentliche Verwaltung miteinander verbinden lassen.

Stattdessen blieb ihr wirtschaftspolitisches Angebot abstrakt. Die Partei sprach über Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit, ohne die konkrete Entfremdung ihrer früheren wirtschaftsnahen Wähler ausreichend aufzunehmen. Wer sich von der Verwaltung behindert, von steigenden Kosten belastet und von politischen Entscheidungen übergangen fühlt, sucht nicht automatisch die politische Mitte. Er kann sich dem Protest zuwenden oder der Wahl fernbleiben.

Die digitale Jugendnormalität

Noch tiefer reicht der Verlust bei den Jüngeren. Die CDU hat nicht nur Stimmen verloren; sie hat den kulturellen Zugang zu einer ganzen Generation eingebüßt.

Wer heute zum ersten Mal oder zum zweiten Mal wählt, wurde politisch in einer Zeit sozialisiert, die von Pandemie, Inflation, Krieg, Klimakrise und wachsender Zukunftsunsicherheit geprägt war. Für viele Jugendliche war das Smartphone während der Pandemie kein bloßes Unterhaltungsgerät. Es war der wichtigste verbliebene Raum für soziale Kontakte, Identitätsbildung und emotionale Stabilität.

Eine politische Mitte, die digitale Jugendkultur lediglich als Ablenkung, „Daddelei“ oder Informationsproblem betrachtet, versteht diese Generation nicht. Politische Kommunikation findet für viele junge Menschen nicht zuerst in Parteizentralen, Zeitungen oder Bürgerversammlungen statt, sondern in digitalen Netzwerken, Videos, Chats und Communitys. Dort entstehen politische Zugehörigkeiten, aber auch Misstrauen und Feindbilder.

Die AfD hat diesen Raum früher und aggressiver besetzt als die CDU. Sie bot nicht unbedingt bessere Antworten, aber eine kulturell anschlussfähigere Sprache: kürzer, direkter, empörter und stärker auf Identität und Abgrenzung ausgerichtet. In ländlichen Regionen, in denen soziale und kulturelle Angebote fehlen und der Frauenmangel zusätzliche Spannungen erzeugt, konnte diese digitale Ersatzöffentlichkeit besondere Bedeutung gewinnen.

Die CDU war in diesem Milieu kaum präsent. Sie erschien vielen jungen Menschen nicht als eine Partei, die ihre Zukunft gestaltet, sondern als Vertreterin einer politischen Ordnung, die vor allem Regeln setzen und Verhalten begrenzen konnte. Während der Pandemie wurde diese Ordnung besonders spürbar: Die Jüngeren sollten Vernunft, Disziplin und Verzicht zeigen, während ihre eigene Zukunft unsicher blieb. Eine überzeugende Antwort darauf, wofür diese Zumutungen langfristig gut sein sollten, blieb aus.

Eine Partei kann junge Menschen nicht darauf vertrösten, dass ihnen ihre Politik irgendwann einleuchten werde, während sie ihnen zugleich eine konkrete Zukunftsperspektive schuldig bleibt. Genau hier entstand eine Leerstelle, an die die AfD anknüpfen und politische Bindung erzeugen konnte – vielfach nicht durch überzeugende Zukunftsentwürfe, sondern durch Ressentiments, Abgrenzung und das Gefühl, gegen eine als bevormundend empfundene Ordnung aufzubegehren.

Die Seniorinnen und das Bedürfnis nach Stabilität

Der Verlust bei älteren Wählerinnen ist aus einem anderen Grund bedeutsam. Die CDU konnte sich lange auf die Vorstellung verlassen, dass ältere Menschen ihr wegen ihrer staatstragenden Rolle und ihrer Erfahrung Vertrauen entgegenbringen würden. Doch gerade diese Wählergruppe suchte nicht notwendigerweise konservative Härte. Sie suchte Stabilität.

Viele ostdeutsche Frauen, die heute über 70 Jahre alt sind, haben die DDR vollständig erlebt und standen zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung mitten im Berufs- oder Familienleben. Sie haben nicht nur einen politischen Systemwechsel erlebt, sondern auch den Verlust von Arbeitsplätzen, institutioneller Sicherheit und vertrauten sozialen Strukturen. Anschließend mussten sie sich in einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung orientieren.

Diese Erfahrungen prägen politische Erwartungen. Wer einen realen Systembruch erlebt hat, reagiert auf neue Umbrüche häufig nicht mit Begeisterung für Experimente, sondern mit dem Wunsch, das Erreichte zu bewahren. Stabilität bedeutet dann nicht Stillstand. Sie bedeutet, dass Veränderungen berechenbar bleiben und nicht erneut den Boden unter den Füßen wegziehen.

Manuela Schwesig konnte dieses Bedürfnis glaubwürdiger ansprechen als die CDU. Sie verkörperte für viele Wählerinnen eine bodenständige, regionale und fürsorgliche Politik. Ihr Angebot war nicht radikal sozialistisch, sondern beruhte auf dem Versprechen, das Land zusammenzuhalten und die Zumutungen des Wandels abzufedern.

Der konfrontative Kurs der Bundes-CDU unter Friedrich Merz passte dazu schlecht. Eine Partei kann Entschlossenheit zeigen wollen und dennoch unruhig wirken. Sie kann Stärke demonstrieren und dabei den Eindruck erzeugen, Konflikte eher zu verschärfen als zu ordnen. Für ältere Wählerinnen, deren politische Biografie stark von Umbruch und Unsicherheit geprägt ist, war das kein überzeugendes Stabilitätsangebot.

Die CDU verlor damit eine ihrer wichtigsten traditionellen Funktionen. Sie erschien nicht mehr als Schutz vor dem Chaos, sondern als Teil der politischen Unruhe.

Die Geografie der Leere

Die beschriebenen Verluste einzelner Wählergruppen verdichten sich in bestimmten ländlichen Räumen zu einem besonders drastischen politischen Befund. Wer den christdemokratischen Bedeutungsverlust in Mecklenburg-Vorpommern verstehen will, muss deshalb den Blick auf jene Gemeinden richten, die in Statistiken meist nur als „strukturschwach“ erscheinen. In den weitläufigen, hochtechnisierten Agrarräumen des östlichen Landesteils ist die „Geografie der Leere“ keine bloße soziologische Metapher. Sie bezeichnet eine Lebenswelt, in der Abwanderung, fehlende Infrastruktur, Überalterung und der Rückzug politischer Bindungen unmittelbar zusammenwirken.

Ein besonders deutliches Beispiel liefert die Gemeinde Brietzig. Bei einer Wahlbeteiligung von 79,3 Prozent entfielen dort 64 von 107 abgegebenen Stimmen auf die AfD. Das entsprach 60,0 Prozent. Die SPD kam auf 24 Stimmen beziehungsweise 22,9 Prozent, während für die CDU lediglich vier Stimmen (3,8 Prozent) abgegeben wurden. Ein ähnliches Muster zeigte sich im Amt Treptower Tollensewinkel. In der Nachbargemeinde Gültz erreichte die AfD bei der Urnenwahl 56,4 Prozent.

Diese Ergebnisse sind nicht allein deshalb bedeutsam, weil sie besonders hohe AfD-Anteile ausweisen. Sie zeigen vielmehr, dass sich der Protest in bestimmten Gemeinden nicht mehr auf ein einzelnes Milieu beschränkt. Landesweit war die AfD besonders bei Männern erfolgreich, während ältere Frauen häufiger SPD wählten und damit ein stabilisierendes Gegengewicht bildeten. In Orten wie Brietzig, die durch Abwanderung und einen Mangel an jüngeren Frauen geprägt sind, kann sich der männliche Überhang jedoch verstärken.

Die 60 Prozent der AfD lassen sich trotzdem nicht allein mit dem Wahlverhalten berufstätiger Männer erklären. Die Mehrheit muss auch aus anderen Alters- und Bevölkerungsgruppen stammen. Der Protest hat dort offenbar die Grenzen zwischen den Generationen und Geschlechtern überschritten. Der junge Beschäftigte in der Agrarwirtschaft, der ältere Arbeitnehmer, der Landwirt und die Rentnerin stehen politisch nicht notwendigerweise aus denselben Gründen auf derselben Seite. Sie können sich jedoch in dem Eindruck treffen, dass die etablierten Parteien ihre Lebenswelt nicht mehr überzeugend vertreten.

Gerade daran wird der Unterschied zwischen dem Landesdurchschnitt und der ländlichen Peripherie sichtbar. Landesweit konnte die SPD bei älteren Frauen noch ein Bedürfnis nach Stabilität und staatlicher Verlässlichkeit bündeln. In Gemeinden wie Brietzig reicht diese stabilisierende Bindung offenbar nicht mehr aus, um den Protest einzudämmen. Die 24 SPD-Stimmen bilden dort den verbliebenen Kern des Systemerhalts; die CDU hingegen ist politisch nahezu verschwunden.

Brietzig ist damit nicht automatisch ein Beweis dafür, dass jede ländliche Gemeinde denselben Weg nimmt. Der Ort macht jedoch sichtbar, wie sich die im gesamten Essay beschriebenen Entwicklungen räumlich zuspitzen können: junge Menschen ohne erkennbare Zukunftsperspektive, wirtschaftlich belastete Erwerbstätige, ein ausgedünntes soziales Umfeld und ältere Menschen, deren Vertrauen in die politische Mitte nicht mehr selbstverständlich ist.

Die AfD füllt dieses Vakuum nicht nur mit Protest, sondern auch mit einer zugespitzten politischen Zugehörigkeit. Die CDU steht dagegen zwar noch auf dem Stimmzettel, besitzt aber kaum mehr soziale Verankerung.

So wird Brietzig zum ländlichen Gegenbild zur Vorstellung, die CDU sei lediglich zwischen SPD und AfD zerrieben worden. In einem solchen Ort ist sie nicht deshalb bedeutungslos, weil zwei andere Parteien besonders stark miteinander konkurrieren. Sie ist bedeutungslos geworden, weil viele Menschen keinen Grund mehr erkennen, sie zu wählen.

Der föderale Verantwortungsbruch

Hinzu kommt die strukturelle Schwierigkeit der Landespolitik. Entscheidungen werden häufig auf Bundesebene getroffen, von Ländern umgesetzt und von Kommunen organisiert. Die Bürger erleben die Folgen jedoch vor Ort – in Schulen, Ämtern, Krankenhäusern, bei Bauvorhaben, in der Infrastruktur und bei sozialen Leistungen.

Bundesgesetze werden vom Bundestag beschlossen; der Bundesrat wirkt als Vertretung der Landesregierungen mit. Die einzelnen Landtagsabgeordneten stimmen dort nicht persönlich ab. Auch der Grundsatz, wer eine Aufgabe veranlasst, müsse automatisch ihre gesamten Kosten tragen, gilt nicht uneingeschränkt. Zuständigkeit und Finanzierung müssen jeweils rechtlich konkret bestimmt werden.

Politisch bleibt die Verantwortungsdiffusion trotzdem folgenreich. Die Landespolitik steht zwischen den Ebenen und muss den Bürgern erklären, warum etwas nicht funktioniert. Eine Partei, die daraus kein konkretes landespolitisches Angebot entwickelt, wird leicht zum Teil des Problems.

Die CDU hätte die Frage stellen können, wer entscheidet, wer umsetzt und wer bezahlt. Sie hätte die Überforderung von Kommunen, Unternehmen und Familien zum Ausgangspunkt einer eigenständigen Landespolitik machen können. Stattdessen blieb sie zu häufig bei allgemeinen Klagen über Berlin oder bei bundespolitischen Kulturkämpfen.

Die CDU als funktionslose Mitte

Die CDU scheiterte nicht daran, dass Mecklenburg-Vorpommern plötzlich keine bürgerliche Mitte mehr wollte. Sie scheiterte daran, dass sie selbst nicht mehr überzeugend erklären konnte, worin der praktische Nutzen dieser Mitte liegt.

Eine politische Mitte ist nicht einfach die Position zwischen zwei Extremen. Sie ist eine politische Funktion. Sie soll unterschiedliche Interessen miteinander verbinden, Konflikte ausgleichen und den Menschen vermitteln, dass ihre Anliegen innerhalb des bestehenden politischen Systems bearbeitet werden können. Eine Mitte ist dann stark, wenn sie nicht nur moderat klingt, sondern konkrete Probleme löst und unterschiedliche soziale Gruppen unter einem gemeinsamen politischen Versprechen zusammenführt.

Genau diese Funktion verlor die CDU.

Für junge Menschen bot sie zu wenig Zukunft und kulturellen Anschluss. Die unter 45-Jährigen erkannten in ihr keine Partei, die ihre Wohn-, Arbeits- und Lebensperspektiven ausreichend ernst nahm. Für Selbstständige, Landwirte und mittelständische Milieus bot sie zu wenig Entlastung, Planungssicherheit und administrative Verlässlichkeit. Für ältere Wählerinnen bot sie zu wenig Ruhe und biografische Sicherheit. In ländlichen Gemeinden wie Brietzig zeigte sich schließlich, dass diese Entfremdung nicht nur einzelne Gruppen betraf. Dort verdichtete sie sich zu einem nahezu vollständigen Verlust politischer Bindung.

Diese Gruppen haben unterschiedliche Interessen und politische Erfahrungen. Die Jugendlichen suchen Zukunft und Anerkennung. Selbstständige und Unternehmer verlangen Handlungsspielraum und verlässliche Regeln. Ältere Wählerinnen suchen Stabilität, Schutz und Respekt vor ihrer Lebensleistung. Die CDU muss diese Interessen nicht mit einer einzigen Botschaft beantworten. Sie muss aber eine übergreifende politische Idee anbieten, in der sie miteinander vereinbar werden.

Früher konnte die CDU diese Verbindung zumindest grundsätzlich herstellen: wirtschaftliche Leistung sollte mit sozialer Sicherheit, individueller Freiheit mit staatlicher Ordnung und gesellschaftlicher Veränderung mit institutioneller Stabilität verbunden werden. Dieses Versprechen ist in Mecklenburg-Vorpommern unglaubwürdig geworden. Die Partei spricht weiterhin von Leistung, Ordnung, Wachstum und Verantwortung, vermittelt aber zu selten, wie diese Begriffe den Alltag der Menschen konkret verbessern sollen.

Damit wurde ihre politische Mitte zu einem unbestimmten Raum. Sie lag zwar zwischen SPD und AfD, war aber nicht mehr automatisch eine überzeugende Alternative zu beiden. Die SPD konnte regionale Kontinuität und soziale Fürsorge verkörpern. Die AfD bot Protest, Abgrenzung und eine scharfe Sprache gegen das politische Establishment. Die CDU hingegen blieb zwischen beiden Angeboten stehen, ohne ihre eigene Funktion klar zu bestimmen.

Das erklärt auch, warum der Hinweis auf einen bloßen Zweikampf zwischen SPD und AfD zu kurz greift. Die CDU verlor nicht nur Stimmen an zwei konkurrierende Parteien. Sie verlor die Fähigkeit, den Wählern zu erklären, weshalb sie selbst gebraucht wird. Wo diese Erklärung fehlt, wird die politische Mitte nicht zur Brücke zwischen verschiedenen Gruppen, sondern zur Leerstelle zwischen verschiedenen politischen Angeboten.

Der Verlust war deshalb nicht nur organisatorischer oder strategischer Natur. Er war ein Verlust politischer Bedeutung. Eine Partei kann Wahlkämpfe verlieren und dennoch gesellschaftlich verankert bleiben. Die CDU verlor in Mecklenburg-Vorpommern jedoch zunehmend genau diese Verankerung. Sie wurde für viele Wählerinnen und Wähler nicht zur falschen, sondern zur überflüssigen Partei.

Das ist die eigentliche Tragweite des Ergebnisses. Die CDU wurde nicht einfach nach rechts oder links verschoben. Sie wurde aus den politischen Lebenswelten verschiedener Gruppen herausgedrängt. Für die Jüngeren war sie zu fern, für die wirtschaftsnahen Milieus zu wenig praktisch, für ältere Wählerinnen zu wenig stabilisierend und für manche ländliche Gemeinden schließlich kaum noch vorhanden.

Die CDU verlor damit nicht nur ihre Wähler, sondern ihre politische Funktion als verbindende Kraft. Genau deshalb lässt sich ihre Niederlage nicht mit einem schlechten Wahlkampf oder einer ungünstigen bundespolitischen Konstellation erklären. Beides mag den Absturz beschleunigt haben. Der tiefere Vorgang bestand darin, dass die Partei für immer mehr Menschen keinen erkennbaren Unterschied mehr machte.

Epilog

Die CDU wurde in Mecklenburg-Vorpommern nicht einfach zwischen AfD und SPD zerrieben. Sie verlor ihre Funktion für jene Gruppen, die sie früher miteinander verbinden konnte.

Junge Menschen sahen in ihr zu wenig Zukunft und zu wenig kulturellen Anschluss. Die unter 45-Jährigen erkannten keinen ausreichenden Grund, sich langfristig an sie zu binden. Selbstständige, Landwirte und mittelständische Milieus fanden ihre konkreten Belastungen nicht überzeugend vertreten. Ältere ostdeutsche Frauen, die Stabilität und Respekt suchten, fühlten sich vom konfrontativen Kurs der Bundespartei nicht mehr zuverlässig angesprochen.

In ländlichen Gemeinden wie Brietzig verdichteten sich diese Entwicklungen zu einer besonders radikalen Form des Bedeutungsverlusts. Dort blieb die CDU mit vier Stimmen nahezu ohne soziale Verankerung, während die AfD eine Mehrheit von 60 Prozent erreichte. Entscheidend ist dabei nicht nur die Höhe des AfD-Ergebnisses. Entscheidend ist, dass der Protest dort mehrere Altersgruppen und soziale Milieus erfasste. Die politische Mitte wurde nicht einfach von einer anderen Partei überstimmt; sie verlor ihre Fähigkeit, unterschiedliche Lebenslagen miteinander zu verbinden.

Brietzig zeigt deshalb im Kleinen, was sich im Landesergebnis im Großen erkennen lässt: Die CDU ist nicht nur schwächer geworden, sondern für viele funktionslos geworden. Sie bietet weder den Jüngeren eine überzeugende Zukunftsperspektive noch den Selbstständigen ausreichende Entlastung und Verlässlichkeit. Älteren Wählerinnen vermittelt sie nicht mehr zuverlässig das Gefühl von Stabilität. In Teilen des ländlichen Raums ist sie schließlich so weit aus dem Alltag verschwunden, dass selbst ihre formale Präsenz auf dem Wahlzettel kaum noch politische Bedeutung besitzt.

Friedrich Merz und der Bundestrend haben diesen Prozess verstärkt. Sie erklären ihn aber nicht vollständig. Die Niederlage war kein bloßes Opfer der Umstände. Sie war das Ergebnis eines Bedeutungsverlusts.

Die CDU ist in Mecklenburg-Vorpommern nicht aus dem Landtag gefallen, weil die Wähler keine Mitte mehr wollten. Sie ist gefallen, weil sie nicht mehr glaubwürdig zeigen konnte, wofür diese Mitte gebraucht wird. Das ist die eigentliche Lehre aus dem Ergebnis – und zugleich die schwierigere Aufgabe. Denn gegen einen Zweikampf kann man sich taktisch positionieren. Gegen den Verlust der eigenen politischen Funktion hilft nur eine grundlegende Erneuerung.

Ob die Christdemokraten aus ihrer Niederlage lernen, wird sich daran zeigen, wie sie auf den Druck der AfD reagieren. Eine bloße Rechtsverschiebung, mehr Konfrontation und eine schärfere Sprache könnten kurzfristig den Eindruck von Handlungsfähigkeit erzeugen. Sie würden jedoch weder den Zukunftsverlust der Jüngeren noch die wirtschaftliche Unsicherheit der Selbstständigen oder das Stabilitätsbedürfnis älterer Wählerinnen lösen. Die CDU muss deshalb entscheiden, ob sie die politische Methode der AfD nachahmen oder eine eigene politische Funktion zurückgewinnen will. Radikalisierung wäre kein Ersatz für Erneuerung.

Glossar

AfD: Alternative für Deutschland. Eine rechtspopulistische bis in Teilen rechtsextreme Partei, die im Essay als wichtigste Protest- und Oppositionskraft gegenüber der etablierten Parteienordnung erscheint.

Abwanderung: Wegzug von Menschen aus einer Region, häufig aufgrund fehlender Arbeitsplätze, geringer Bildungs- und Aufstiegschancen oder mangelnder Infrastruktur. Im Essay ist Abwanderung ein zentraler Faktor für die soziale Ausdünnung ländlicher Räume.

Biografische Sicherheit: Das Gefühl, dass die eigene Lebensgeschichte, die erworbenen Ansprüche und die soziale Stellung nicht durch politische oder wirtschaftliche Umbrüche entwertet werden. Besonders für ältere Wählerinnen spielt dieses Bedürfnis eine wichtige Rolle.

Bürgerliche Mitte: Bezeichnung für gesellschaftliche Gruppen und politische Positionen zwischen linken und rechten Lagern. Im Essay wird betont, dass die Mitte nicht nur eine politische Position, sondern auch eine konkrete politische Funktion erfüllen muss.

Christdemokratischer Exitus: Essayistische Zuspitzung für den weitgehenden politischen Niedergang der CDU. „Exitus“ bedeutet ursprünglich Tod oder Untergang und verweist hier auf den Verlust politischer Bedeutung.

Digitale Ersatzöffentlichkeit: Digitale Räume wie soziale Netzwerke, Videoplattformen, Messenger-Gruppen und Online-Communitys, in denen politische Kommunikation stattfindet, wenn traditionelle Orte wie Vereine, Zeitungen oder Bürgerversammlungen an Bedeutung verlieren.

Entfremdung: Ein Zustand, in dem Menschen sich von politischen Institutionen, Parteien oder gesellschaftlichen Entwicklungen nicht mehr vertreten oder verstanden fühlen. Im Essay bezeichnet der Begriff vor allem den Abstand zwischen der CDU und ihren früheren Wählergruppen.

Föderaler Verantwortungsbruch: Keine streng juristische, sondern eine politische Bezeichnung für die Diskrepanz zwischen Zuständigkeit, Finanzierung und wahrgenommener Verantwortung auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene. Bürger erleben politische Folgen vor Ort, können aber oft nicht erkennen, welche Ebene dafür verantwortlich ist.

Funktionslose Mitte: Zentrale These des Essays. Gemeint ist eine politische Mitte, die zwar formal zwischen verschiedenen Lagern steht, aber keine erkennbare Aufgabe mehr erfüllt: Sie verbindet keine sozialen Gruppen, löst keine konkreten Probleme und vermittelt kein überzeugendes Zukunfts- oder Stabilitätsversprechen.

Geografie der Leere: Metaphorische Bezeichnung für ländliche Räume, die durch Abwanderung, Überalterung, fehlende Infrastruktur, geringe politische Präsenz und den Verlust sozialer Bindungen geprägt sind. Im Essay wird Brietzig als Beispiel für eine solche „Geografie der Leere“ dargestellt.

Generationen- und Geschlechtergrenzen: Soziale Unterschiede zwischen Altersgruppen und zwischen Männern und Frauen. Wenn der Protest diese Grenzen überschreitet, bedeutet das, dass er nicht mehr nur auf ein bestimmtes Milieu begrenzt bleibt.

Landespolitik: Politik, die auf Ebene eines Bundeslandes gestaltet wird. Dazu gehören etwa Schulen, Hochschulen, Polizei, Kultur, regionale Infrastruktur und die Umsetzung vieler bundesrechtlicher Vorgaben.

Ländlicher Raum: Nicht nur geografische Bezeichnung für Gebiete außerhalb größerer Städte, sondern im Essay ein sozialer und politischer Lebensraum mit besonderen Problemen: geringe Bevölkerungsdichte, schwache Infrastruktur, Abwanderung und begrenzte öffentliche Angebote.

Menetekel: Warnzeichen oder unheilvolle Vorankündigung. Der Begriff geht auf die biblische Geschichte vom „Menetekel“ zurück, einer geheimnisvollen Schrift an der Wand, die den Untergang eines Herrschers ankündigt. Brietzig wird im Essay als Hinweis auf eine größere politische Entwicklung verstanden.

Mittelstand: Sammelbegriff für kleine und mittlere Unternehmen, Selbstständige, Handwerksbetriebe, kleinere Unternehmer und teilweise auch freiberuflich Tätige. Im Essay steht der Mittelstand für ein traditionelles Kernmilieu der CDU.

Nominale Ignoranz: Gemeint ist, dass bestimmte Menschen statistisch erfasst werden, politisch aber kaum noch als eigenständige soziale Gruppe wahrgenommen werden.

Politische Bindung: Dauerhafte Verbindung zwischen Wählerinnen und Wählern und einer Partei. Eine solche Bindung beruht nicht nur auf einzelnen Sachfragen, sondern auch auf Vertrauen, Gewohnheit, gemeinsamer Geschichte und dem Gefühl, politisch vertreten zu werden.

Politische Funktion: Der konkrete Nutzen, den eine Partei für Bürgerinnen und Bürger erfüllt. Im Essay bedeutet politische Funktion, Interessen zu bündeln, Konflikte zu ordnen, gesellschaftliche Gruppen zu verbinden und praktische Problemlösungen anzubieten.

Politische Mitte: Nicht bloß der Bereich zwischen linken und rechten Parteien, sondern eine politische Kraft, die unterschiedliche Interessen ausgleicht und gemeinsame Lösungen formuliert. Der Essay kritisiert, dass die CDU diese Funktion verloren habe.

Politische Statik: Metapher für das Gleichgewicht und die Stabilität eines Parteiensystems. Wird diese „Statik“ erschüttert, verändern sich Kräfteverhältnisse und bisherige politische Bindungen.

Protestgesellschaft: Eine Gesellschaft oder ein soziales Milieu, in dem politische Unzufriedenheit nicht mehr auf einzelne Gruppen beschränkt bleibt, sondern verschiedene Altersgruppen und soziale Schichten erfasst. Im Essay beschreibt der Begriff besonders stark polarisierte ländliche Räume.

Protestpartei: Eine Partei, die politische Unzufriedenheit, Misstrauen gegenüber etablierten Institutionen und Ablehnung des politischen Establishments bündelt. Sie muss dabei nicht zwangsläufig für ein einheitliches politisches Programm gewählt werden.

Regionale Kontinuität: Das Versprechen, politische und soziale Verhältnisse einer Region stabil zu halten und Veränderungen schrittweise zu gestalten. Im Essay wird dieses Motiv vor allem mit der SPD und Manuela Schwesig verbunden.

Systemerhalt: Bezeichnung für politische Positionen, die auf die Bewahrung bestehender staatlicher und gesellschaftlicher Strukturen zielen. Der Begriff kann neutral oder kritisch verwendet werden. Im Essay bezeichnet er den Wunsch nach Stabilität und institutioneller Verlässlichkeit.

Soziale Verankerung: Die dauerhafte Verbindung einer Partei mit bestimmten gesellschaftlichen Gruppen, Regionen, Vereinen, Verbänden und Alltagserfahrungen. Eine Partei ist sozial verankert, wenn sie vor Ort als glaubwürdige Vertreterin konkreter Interessen wahrgenommen wird.

Soziologisches Standardmodell: Eine verallgemeinerte Erklärung politischer Entscheidungen anhand typischer Merkmale wie Alter, Geschlecht, Bildung, Beruf oder Wohnort. Im Essay bezeichnet der Begriff das landesweite Muster, nach dem etwa Männer häufiger AfD und ältere Frauen häufiger SPD wählen.

Stabilitätsversprechen: Das politische Versprechen, Sicherheit, Ordnung, soziale Verlässlichkeit und berechenbare Veränderungen zu gewährleisten. Im Essay wird dieses Versprechen vor allem mit älteren Wählerinnen und der traditionellen Rolle etablierter Parteien verbunden.

Tektonisches Beben: Metapher für eine tiefgreifende Veränderung politischer Kräfteverhältnisse. Wie bei tektonischen Platten wird damit ein zunächst untergründiger, dann plötzlich sichtbarer Strukturwandel bezeichnet.

Verantwortungsdiffusion: Die schwer erkennbare Verteilung politischer Verantwortung auf mehrere Ebenen und Institutionen. Bürger wissen oft nicht, ob Bund, Land, Kommune oder Verwaltung für ein bestimmtes Problem verantwortlich ist.

Wahlbeteiligung: Der Anteil der Wahlberechtigten, die an einer Wahl teilnehmen. Eine hohe Wahlbeteiligung zeigt zunächst Mobilisierung, sagt aber allein noch nichts darüber aus, welche Partei davon profitiert.

Wählerbindung: Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen dauerhaft dieselbe Partei wählen. Sie entsteht durch Vertrauen, politische Übereinstimmung, soziale Zugehörigkeit und positive Erfahrungen mit einer Partei.

Zweikampf-Erzählung: Die Deutung, eine Partei sei vor allem deshalb gescheitert, weil zwei andere Parteien den politischen Wettbewerb unter sich ausgemacht hätten. Der Essay weist diese Erklärung zurück, weil sie den eigenen Bedeutungsverlust der CDU verdeckt.