Eine Wahlanalyse kann politische Beteiligung sichtbar machen – oder sie in eine Bedrohung verwandeln. Dieser Essay untersucht, wie Sprache aus Menschen Gegner macht.
Einleitung
Was geschieht, wenn eine Wahlanalyse nicht bei Zahlen und Interessen stehen bleibt? Wenn sie aus Wählerinnen und Wählern Kollektive macht, aus Kollektiven Machtblöcke und aus Machtblöcken eine Bedrohung?
Dieser Essay untersucht nicht die Personen, die solche Deutungen formulieren, sondern die sprachliche Bewegung, durch die politische Beteiligung als Angriff erscheinen kann. Er ist eine Studie über den Prozess der Umdeutung und ein Blick auf die Dynamik der Stigmatisierung sowie ein Blick hinter die Kulissen einer stufenweise verlaufenden Eskalation.
Phänomen 1: Die Wahl als Fährte zu einer Jagd
Eine Wahlanalyse beginnt mit Zahlen. Sie vergleicht Bezirke, Parteien und Wählergruppen. Sie fragt, wo eine Partei besonders viele Stimmen erhält, welche Themen Menschen mobilisieren und welche sozialen, wirtschaftlichen oder demografischen Faktoren eine Rolle spielen.
Doch eine Wahlanalyse endet nicht bei den Zahlen. Zwischen dem Ergebnis und seiner politischen Bedeutung liegt die Sprache. Sie entscheidet darüber, ob Menschen als Wählerinnen und Wähler erscheinen, als soziale Gruppe oder als Milieu – oder als Block, Machtkörper und Bedrohung.
Dieselbe politische Wirklichkeit kann deshalb auf verschiedene Weise beschrieben werden. In einem Berliner Bezirk wählen beispielsweise Menschen mit unterschiedlichen familiären, sozialen und religiösen Hintergründen überdurchschnittlich häufig eine bestimmte Partei.
Das ist zunächst eine bloße Feststellung. Man kann nach den Gründen fragen: nach Wohnverhältnissen, Einkommen, Erfahrungen mit Institutionen, politischen Themen, Repräsentation oder der Ansprache durch Parteien.
Man kann es jedoch auch anders schreiben: Diese Menschen wählen nicht nur anders. Sie organisieren sich. Sie treten als Gruppe auf. Sie verändern das politische Gleichgewicht. Und noch einmal anders: Eine ethnische Gruppe nutzt die Wahl, um ihre Interessen gegen das Gemeinwesen durchzusetzen.
Die Zahlen mögen dieselben bleiben. Doch zwischen diesen einzelnen Sätzen liegen Welten. Aus Wählerinnen und Wählern werden Kollektive, aus Kollektiven Blöcke, aus Blöcken Kräfte – und aus Kräften kann eine Bedrohung werden. Die Wahl erscheint dann nicht mehr als Form politischer Teilhabe, sondern sprachlich als ein Angriff.
Aus Stimmen werden Spuren. Aus Spuren wird eine Fährte. Und aus der Fährte wird eine Jagd.
Phänomen 2: Wenn Beteiligung zum Angriff wird
Eine politische Gemeinschaft lebt davon, dass unterschiedliche Interessen sichtbar werden dürfen. Menschen wählen Parteien, weil sie sich von ihnen vertreten fühlen oder weil sie andere Parteien ablehnen. Sie organisieren sich, sprechen Nachbarinnen und Nachbarn an, gründen Initiativen und suchen Kandidatinnen und Kandidaten, die ihre Erfahrungen und Forderungen in politische Institutionen tragen.
Man kann das gutheißen oder kritisieren. Man kann Programme prüfen, Forderungen zurückweisen und politische Folgen diskutieren. Doch zwischen einer Kritik und einer Feindmarkierung liegt ein entscheidender Unterschied.
Die Kritik fragt: Welche Interessen werden vertreten? Wem nützt diese Politik? Welche Folgen hat sie für andere? Die Feindmarkierung hingegen fragt: Wer kommt hier? Wer dringt vor? Wer nimmt wem etwas weg? Wer muss sich gegen wen verteidigen?
In diesem Wechsel verändert sich nicht nur die Sprache, sondern die gesamte politische Wahrnehmung. Wer als Bürgerin oder Bürger begonnen hat, erscheint plötzlich als Angehöriger eines fremden Kollektivs. Die politische Beteiligung gilt dann nicht mehr als Teil der Demokratie, sondern als Instrument einer verborgenen Macht.
Der entscheidende Satz lautet: „Das ist kein politischer Ausdruck. Das ist ein Angriff.“ Dieser Satz klingt wie eine Beschreibung, kann aber eine bewusste Umschreibung sein. Er verwandelt die Handlung, die er benennt. Die Wahl wird zur Waffe, Mobilisierung zur Infiltration, demografischer Wandel zum Austausch und politische Repräsentation zur Übernahme.
Nicht mehr die Handlung selbst steht im Mittelpunkt, sondern die Gefahr, die ihr zugeschrieben wird. Damit ist der erste Schritt zu einer Umkehrung getan. Diejenigen, die sich politisch bemerkbar machen, werden als Bedrohung bezeichnet. Und diejenigen, die auf diese vermeintliche Bedrohung reagieren, können sich plötzlich als Verteidiger darstellen.
Ihr Satz lautet nun: „Du greifst mich an.“ Aber vielleicht hat der andere gar nicht angegriffen. Vielleicht hat er gewählt. Vielleicht hat er sich organisiert. Vielleicht hat er lediglich versucht, in einer Gesellschaft, die ihn lange nicht gesehen hat, sichtbar zu werden.
Das bedeutet nicht, dass jede politische Mobilisierung unschuldig oder jede Gruppenbildung unproblematisch wäre. Menschen können andere ausschließen. Parteien können Ressentiments schüren. Bewegungen können ihre Macht gegen Minderheiten richten. All das muss kritisiert werden. Doch Kritik muss den konkreten Vorgang benennen. Sie darf nicht bereits aus der bloßen Anwesenheit einer Gruppe eine Bedrohung konstruieren.
Phänomen 3: Der Jäger rüstet sich zur Verteidigung
Kennst du das Gefühl, wenn man jemanden hasst? Es fühlt sich nicht immer wie ein bloßer innerer Zustand an. Es kann sich eher wie eine Bewegung anfühlen. Man steht nicht still und empfindet. Man ist unterwegs. Man ist auf einer Fährte. Man läuft – und glaubt, dass man ankommen muss. Hass ist dann keine bloße Stimmung. Er kann sich als Tätigkeit äußern. Er hält sich selbst in Bewegung, indem er einen Gegenstand hervorbringt, den es zu verfolgen gilt. Man geht auf die Jagd.
„Hass“ und „Hetze“ sind semantisch und kulturgeschichtlich eng miteinander verwoben. Beide Wörter gehören zu einem Bedeutungsfeld von Feindschaft, Verfolgung und aggressiver Bewegung. Während „Hass“ die feindselige Gesinnung und ihre beharrliche Ausrichtung auf ein Gegenüber bezeichnet, verweist „hetzen“ im Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm auf das Antreiben, Aufscheuchen und Verfolgen – zunächst besonders im Zusammenhang mit der Jagd. Diese Jagdmetaphorik ist in der heutigen Bedeutung von „Hetze“ noch spürbar. Hetze ist deshalb nicht nur Sprache gegen jemanden. Sie setzt etwas in Bewegung.
Aus einem einzelnen Verfolger kann eine Meute werden. Doch die Meute muss sich nicht als Meute erkennen. Sie kann sich als Schutzgemeinschaft verstehen. Sie kann sagen, dass sie nicht verfolgt, sondern sich verteidigt. Hier beginnt die politische Gefahr der Selbstverteidigung.
Elsa Dorlin zeigt in ihrem Werk Selbstverteidigung. Eine Philosophie der Gewalt, dass nicht alle Menschen dasselbe Recht besitzen, ihre Gegenwehr als Selbstverteidigung anerkannt zu sehen. Die Gewalt privilegierter Gruppen kann als Ordnung, Schutz oder Notwehr erscheinen. Die Gegenwehr marginalisierter Gruppen wird dagegen als Aggression gelesen.
Wer sich also wehrt, liefert dann scheinbar den Beweis dafür, dass er gefährlich ist.
Ein neuer Exkurs in die Poesie: Stell dir vor, du jagst ein Tier. Die Hunde folgen der Fährte. Das Tier flieht. Dann dreht es sich um, zeigt die Zähne und wehrt sich.
Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Du kannst sagen: Es wehrt sich. Du kannst innehalten, zurückweichen und prüfen, wer die Jagd begonnen hat. Du kannst die eigene Handlung betrachten, statt nur die Reaktion des Tieres zu beurteilen.
Oder du kannst sagen: Es jagt mich. Dann wird die Fortsetzung der Jagd zur Verteidigung. Du rufst weitere Hunde. Du jagst mit mehr Wut, mehr Recht und größerer Gewissheit. Du bist nicht länger derjenige, der ein Tier verfolgt. Du bist nun derjenige, der sich gegen ein gefährliches Tier schützt.
Aber das Tier jagt dich nicht. Es wehrt sich.
Die Jagd, die du fortsetzt, ist keine Verteidigung mehr. Sie ist eine neue Verfolgung. Du machst aus der Gegenwehr einen Angriff – nicht nur sprachlich, sondern auch politisch – und aus der Beute einen Jäger.
Phänomen 4: Wenn die Beute zum Jäger verklärt wird
Wer diesen Mechanismus sichtbar machen will, gerät selbst in Gefahr. Sobald ein konkreter Urheber genannt, ein Text zitiert oder eine politische Aussage kritisiert wird, kann die Kritik selbst als Angriff erscheinen. Diejenigen Personen, die sich gegen eine Bedrohungserzählung wenden, können selbst zur Bedrohung erklärt werden. Ein Kritiker wird zum Angreifer, der Angegriffene zum Verteidiger. Die Gegenrede gilt als Hetze.
So kann der Jäger die Beute zum Jäger machen.
Das bedeutet nicht, dass Namen niemals genannt werden dürfen oder Verantwortlichkeit im Ungefähren verschwinden soll. Jede Benennung muss jedoch prüfen, was sie bewirkt: Macht sie einen Vorgang sichtbar – oder eröffnet sie nur eine neue Jagd?
Dieser Essay verfolgt deshalb nicht die Personen, die eine bestimmte Deutung verbreiten. Er macht die Bewegung dieser Deutung sichtbar. Er zeigt, wie sich eine Wahlanalyse verändern kann, bis aus politischer Beteiligung eine Bedrohung geworden ist. Das ist keine Flucht vor der Wirklichkeit. Es ist eine andere Weise, in ihr zu bleiben.
Die Poesie hilft dabei, weil sie die Rollen nicht sofort endgültig verteilt. Sie sagt nicht: Dort ist der Jäger, hier ist die Beute. Sie fragt, wie jemand zum Jäger gemacht wird und wie eine Gesellschaft ihre eigene Verfolgung als Verteidigung erzählen kann.
Poesie unterbricht die Eindeutigkeit. Sie hält den Augenblick fest, bevor die Rollen versteinern.
Fazit: Bevor die Rollen versteinern – das Hier und Jetzt
Die Jagd lebt von einem zukünftigen Ziel. Sie will ankommen, besiegen, entlarven oder zurückschlagen. Sie verspricht, dass am Ende eine endgültige Entscheidung stehen wird.
Doch eine Bewegung ohne erreichbaren Endpunkt wird zur endlosen Qual. Die Jagd, die sich immer wieder selbst erfindet, findet kein Ende. Ihr Ziel ist nicht nur ein Mensch, sondern eine Zuschreibung: die Behauptung, der andere sei der eigentliche Jäger.
Eine Zuschreibung kann man nicht erlegen. Man kann sie nur zurücknehmen.
Deshalb muss die Frage nach der Jagd aus der Zukunft in die Gegenwart zurückgeholt werden. Nicht: Wer wird am Ende siegen? Nicht: Wer muss endgültig verschwinden? Sondern zunächst: Wer ist hier? Wer spricht? Wer handelt? Wer beschreibt wen als Gefahr?
Vorschlag: Hier. Jetzt. Ich bin da. Du bist da. Wir sind gemeinsam da.
Dieses Mantra löst keinen Konflikt und macht keine Gewalt ungeschehen. Aber es verhindert, dass Menschen vollständig in feste Rollen verwandelt werden: in den ewigen Jäger oder die ewige Beute. Solange diese Rollen nicht endgültig versteinert sind, bleibt politische Auseinandersetzung möglich. Dann ist die Jagd nicht die einzige denkbare Bewegung.
Literaturempfehlung
Ein Meilenstein der deutschen Sprachgeschichte ist das von Jacob und Wilhelm Grimm begründete Deutsche Wörterbuch. Es dokumentiert die Entwicklung und Verzweigung des deutschen Wortschatzes anhand historischer Belege und macht sichtbar, wie Wörter ihre Bedeutungen verändern, erweitern und überlagern.
Elsa Dorlin (2022): Selbstverteidigung – eine Philosophie der Gewalt. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2382
Cliffhanger: Der deutsche Rap kennt für diese sprachliche Umkehrung eine kürzere Formel: „Du Opfer.“ Das Opfer wird beschimpft, weil es Opfer ist – und erst recht dann, wenn es sich gegen diese Rolle wehrt. Doch das ist nur eine Vorschau auf ein nachfolgendes Essay zum selben Themenspektrum auf diesem Blog: Wie dekliniert die Popkultur dieses Phänomen? Die popkulturelle Realität des Raps als radikale Notwehr.