Die Rückkehr der Jagdhunde


Wir halten uns für modern, jagen im Netz aber wie die Hunde. Eine satirische Erkundung über den echten Ursprung von Hass und Hetze – direkt aus dem Zwinger des Grimmschen Wörterbuchs.

Wir modernen Menschen sind ja so furchtbar psychologisiert. Wenn uns heute im digitalen Dickicht etwas missfällt, dann spüren wir „Hass“. Wir gehen in uns, diagnostizieren eine tief sitzende, verinnerlichte Abneigung und fühlen uns dabei sehr tiefgründig und komplex. Hass, das ist laut Duden schließlich eine emotionale Kategorie. Etwas für die Seele. Ein exklusives, inneres Häppchen Elend.

Wie beruhigend ist da doch der Blick in das Monumentalwerk der Brüder Grimm. „Der Grimm“ – dieses verstaubte, zentnerschwere Papiergeist-Archiv – fegt den modernen Gefühlsduseleien erst einmal den Staub vom Pelz. Denn im Frühneuhochdeutschen war Hass kein Thema für die Therapiecouch, sondern harte Arbeit.

Da bedeutete Hass noch: feindliche Verfolgung, Kampf, Streit mit Taten und echten, handfesten Worten. Hass war Sport mit Körperkontakt. Selbst Altmeister Goethe, den Jacob Grimm als Zeugen aufruft, goss das Ganze in ein wunderbar dynamisches Bild: Hass sei ein „aktives Missvergnügen“. Im Gegensatz zum Neid, der nur passiv in der Ecke hockt und schmollt, will der Hass raus an die frische Luft. Er will sich bewegen.

Und genau hier kommt die „Hetze“ ins Spiel, die perfekte persönliche Assistentin des Hasses.

Wir dachten ja bisher, Hetze sei eine Erfindung von politischen Agitatoren oder das exklusive Vorrecht von trollenden Accounts mit anonymen Katzenprofilen. Weit gefehlt! Die Brüder Grimm erinnern uns unbarmherzig daran, wo das Wort eigentlich herkommt: direkt aus der Waidmannssprache. Hetze, das ist die „Hetzjagd mit Hunden“. Es geht um das wilde, laute, aggressive Treiben. Das gezielte Aufpeitschen einer Meute, um ein Opfer einzukreisen und genüsslich zu erlegen.

Merken Sie was? Die Philologie des 19. Jahrhunderts beschreibt exakt Ihren ganz normalen Dienstagvormittag auf Facebook, X oder in den Kommentarspalten von LinkedIn.

Wenn heute der digitale Dionysos das Signal zur Jagd bläst und den kollektiven Rausch der Meute entfacht, weil irgendwer das falsche Wort zur falschen Zeit gesagt hat, dann erleben wir keine technologische Disruption, sondern die Renaissance des klassischen Jagdwesens.

Der anonyme Hass im Netz ist das goethesche „aktive Missvergnügen“, das einsam vor dem Bildschirm hockt, bis ihm einfällt, dass man ja mal wieder die Hunde aus dem Zwinger lassen könnte.

Die darauffolgende digitale Hetze – der wohlfeile Shitstorm, die kollektive Herabwürdigung im Rudel – ist nichts anderes als die moderne Variante der alten Treibjagd.Nur dass die Jagdhunde heute Smartphones tragen und statt zu bellen im Sekundentakt die Mistgabel-Emojis in die Tastatur hämmern. Sie formieren, ganz im Sinne des Grimmschen Wörterbuchs, einen glorreichen „Hetzbund“. Man kennt sich, man hilft sich, man beißt gemeinsam.

Die historische Philologie lehrt uns somit eine zeitlose Wahrheit über unsere ach so aufgeklärte Zivilisation: Der Hass mag als feinsinniger, auszehrender Zustand der Seele beginnen – aber er hat einfach einen unbändigen Drang zur Bewegung. Er will nicht nur denken, er will jagen. Die Hetze ist seine treue Vollstreckerin. Sie macht aus dem dumpfen Gefühl eine sportliche Massenbewegung und aus dem Gedanken eine digitale Waffe.

Wenn Sie das nächste Mal im Netz das laute Kläffen der Meute hören, ärgern Sie sich also nicht über die Algorithmen. Bewundern Sie lieber das traditionelle Handwerk. Die Technik mag neu sein, aber die Hunde sind verdammt alt. Man muss wohl eingestehen: Nicht nur die Grimms, sondern gefühlt der halbe Olymp wusste bereits über diese Dynamiken Bescheid.

Wir haben am Ende nur die Werkzeuge gewechselt, nicht die Instinkte.

Man tue den neuen Großindustriellen des Silicon Valley daher bitte nicht den Gefallen, sie zu allmächtigen Dämonen zu verklären. Das wäre eine viel zu bequeme Ausrede für den modernen Netzbürger. Mark Zuckerberg und seine geschätzten Kollegen haben uns das Beißen schließlich nicht beigebracht. Sie haben uns lediglich den Zaun weggenommen.

Was wir im Netz erleben, ist kein digitaler Voodoo-Zauber, sondern das vielleicht am besten austarierte Geschäftsmodell der Kulturgeschichte: Die maßgeschneiderte Symbiose aus digitaler Hundepfeife und anthropologischem Ur-Instinkt.

Denn der Algorithmus liefert ja gar nicht den Hass – er übernimmt nur hochgradig effizient und extrem serviceorientiert die Logistik. Er versteht sich als digitaler Sammelplatz, der den vereinsamten Kläffer aus seinem analogen Hobbykeller abholt, ihn in Lichtgeschwindigkeit mit Gleichgesinnten vernetzt und so das alte, wohlbekannte Rudelgefühl reaktiviert.

Die Herren in Kalifornien haben lediglich ein prächtiges, neues Jagdschloss errichtet. Sie spendieren das Freibier der allgemeinen Empörung, öffnen einladend die Tore und kassieren im Gegenzug das Eintrittsgeld unserer geschätzten Aufmerksamkeit.

Doch das leidenschaftliche In-die-Tasten-Hauen und die diebische Freude, die nächste Beute in der Kommentarspalte zu stellen – all das liefert der Nutzer völlig kostenfrei und aus reinem, innerem Antrieb. Elon Musk dirigiert vielleicht das Orchester, aber das fröhliche Halali der Treibjagd blasen wir noch immer mit größtem Vergnügen selbst.


Cliffhanger: Sie haben genug vom kollektiven Kläffen im Netz, wissen aber nicht, wie man das Rudel stoppt? Lesen Sie hier, wie Sprache uns zu Jägern macht – und wie wir die Rollen wieder verlernen: Wenn Beteiligung zu einem Angriff wird.